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Landtagswahl 2026 mit Cem Özdemir

Warum Boris Palmer den Fahrplan besser kennt als die Bahn

Wenn Boris Palmer, Cem Özdemir und der syrischstämmige Bürgermeister Ryyan Alshebl aus Ostelsheim auf der Bühne sitzen, ist Tiefgang und Unterhaltung angesagt. Besonders bemerkenswert: Der Sohn des "Remstalrebellen" lässt dem Spitzenkandidaten das Feld.
Drei lachende Männer in Anzügen stehen nebeneinander vor einem grünen Hintergrund.

Gute Laune bei den Grünen in Weil der Stadt im Kreis Böblingen mit Ostelsheims Bürgermeister Ryyan Alshebl, Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und Tübingens OB Boris Palmer

Achim Zweygarth)

Weil der Stadt. Eigentlich ist die Fasnetshochburg Weil der Stadt im Kreis Böblingen ganz in der Hand der Narren, 30.000 Menschen kamen zum Umgzug, die Stadthalle ist belegt. Daher müssen die Grünen in die Aula des Schulzentrums ausweichen, das aus allen Nähten platzt – 300 Menschen im Saal, viele kommen nicht rein, 60 stehen bei bittere Kälte davor und schauen den Livestream.

Der Tübinger Boris Palmer nutzt das gleich zu einem rhetorischen Hieb gegen Bürokratie: „Wir sollten sie reinlassen, ich würde das auf meine Kappe nehmen. Das ist Deutschland, dass 60 Menschen in der Kälte stehen, nur wegen einer Vorschrift.“

Boris Palmer spielt nur eine Nebenrolle

Aber der Eindruck täuscht, der so omnipräsente Tübinger OB Boris Palmer dominiert diese Veranstaltung nicht. Passend dazu erzählt der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir eine Begebenheit von vor vielen Jahren, als der Vater und Remstalrebell Helmut Palmer einst eine Veranstaltung der Grünen zu sprengen drohte: „Die Parteifreunde haben mir gesagt: Jetzt ist die Veranstaltung durch, jetzt ist es seine Veranstaltung. Ich habe ihn freundlich begrüßt und ihn gefragt, ob er seine Meinung kundtun will.“ Und tatsächlich sei es gelungen, den wortgewaltigen Kritiker jeglicher staatlicher Willkür einzubinden.

Und das gelingt auch an diesem Abend. Natürlich mag das auch ein Stück weit inszeniert sein, schließlich ist Wahlkampf, und die Veranstaltung dient dazu, Cem Özdemir ins rechte Licht zu rücken, und von der Popularität von Boris Palmer zu profitieren. Dennoch ist bemerkenswert, wie Palmer sich zurücknimmt und dem 60-jährigen Ministerpräsidentenkandidaten das Feld überlässt.

Die Hochzeit von Cem Özdemir ist nur kurz Thema

Zumindest fast. „Ich bekomme viele Mails, weil ich um halb eins nachts jemanden getraut habe“, schmunzelt Palmer, in Anspielung auf die Trauung am Samstag davor, als Özdemir seine Lebensgefährtin Flavia Zaka heimlich in der Nacht geheiratet hat. Wie viele Überstunden angefallen seien, wer das bezahle und ob auch andere um Mitternacht heiraten könnten: „Es muss nicht alles gleich in eine Verordnung gegossen werden, die für die Ewigkeit gilt.“ Das zahlt auf Özdemirs Mantra ein, alle Berichtspflichten und alle Landesbeauftragten abzuschaffen.

Boris Palmer ist das lebendige Kursbuch

Oder dass er alle guten Ideen umsetzen werde, egal von wem sie kommen. Aber natürlich wollen die Zuschauer auch nette Anekdoten hören. Die beste des Abends: Cem Özdemir erzählt davon, wie er einmal keinen Bahnanschluss fand, auch die App des Schienenkonzerns und deren Mitarbeiter wussten keinen Rat. „Da habe ich dem Boris angerufen, denn der kennt jedes Kursbuch auswendig“, erzählt der 60-jährige Bad Uracher und Ex-Grünenchef, „und er wusste die Verbindung auswendig, sie hat auch funktioniert.“ Da lacht der ganze Saal.

Später setzt Palmer im kleinen Dialog noch einen drauf: „Ich bin mit der S-Bahn angereist, saß aber in der falschen Bahn und wäre nach Böblingen gefahren. Da hat mich ein Fahrgast angesprochen: Herr Palmer, Sie müssen doch heute nach Weil der Stadt, umsteigen!“ Offenbar kennen seine Fans den Terminkalender besser als er selbst.

Am Ende jubeln alle Cem Özdemir zu

Es ist also ein unterhaltsamer Abend, der syrische Bürgermeister Ryyan Alshebl vom nahen Ostelsheim, der sich artig für die „Sanierung der Gemeindeverdingungsstraße“ bedankt, ist für nachdenkliche Töne zuständig: „Ich weiß, dass es viel schlechter werden kann, wir sollten dankbar sein.“ Dass er die Flucht überlebt hat und Bürgermeister wurde, bezeichnet er als „Wunder von Ostelsheim“.

Am Ende bittet die Moderation Jenny Mushegera um Applaus, wer Cem Özdemir als Ministerpräsident haben will und dem Wahlslogan „Er kann es“ zustimmt – die Anhänger applaudieren und jubeln, Özdemir genießt kurz das Bad in der Menge, umarmt dann die Mitdiskutanten. Der Wahlkampf der Grünen mobilisiert die Basis und ist unterhaltsam. Ob das am Ende reicht bei der Aufholjagd, wissen wir am 8. März.

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