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Verabschiedung Verkehrsminister Baden-Württemberg

Winfried Hermann – das Ende einer Ära in der Verkehrspolitik

Einst war er ein linker Bürgerschreck, nach 15 Jahren wurde Winfried Hermann ein pragmatischer Verkehrspolitiker. Nun wird er verabschiedet mit einem Festakt in der Staatsgalerie in Stuttgart.
Mann in blauer Jacke hebt Hand, Treppe und Radfahrer im Hintergrund.

Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen), Verkehrsminister von Baden-Württemberg, geht nach 15 Jahren in den politischen Ruhestand.

Bernd Weißbrod)

Stuttgart. Nach 15 Jahren ist Winfried Hermann am Ende seiner Amtszeit als Verkehrsminister. Ein Festakt in der Staatsgalerie Stuttgart erinnert an diese Epoche der Verkehrspolitik. Viele Weggefährten sind gekommen. Kretschmann erinnert in seiner Rede an die Anfänge in Rottenburg, wo Hermann aufgewachsen ist. „Dort hast du Autofahren gelernt, auf dem Hof deiner Eltern“, erinnert sich der Ministerpräsident. Das erste eigenen Auto, nächste Station Studenten-WG in Tübingen, das Auto geteilt mit Fahrtbuch: „Eine frühe Form des Carsharings“.

Es sei immer um die Frage gegangen: Wie bewegen wir uns? Und wie organisieren wir uns, im Blick auf saubere Luft und Klimawandel. „Dazu hast du und dein Haus in Baden-Württemberg ganz entscheidend beigetragen“, sagt der Ministerpräsident.

Vorfahrt für Bus und Bahn im Südwesten

Es gibt 80 Millionen Verkehrsexperten – das ist das Los des Verkehrsministers. Kaum ein Politikfeld ist so betroffen, weil jeder den Verkehr täglich erlebt. „Nach den Nachrichten kommt der Verkehrsfunk und dann das Wetter“, sagt Kretschmann. Baden-Württemberg sei in Vorreiter für nachhaltige Mobilität geworden. Hin zu vernetzter und klimafreundlicher Mobilität, mehr Bus und Fahrrad und zum emissionsfreien Auto. Kein Bundesland investiere so stark in Infrastruktur für Bus und Bahn, der Takt sei dichter geworden.

Einen Bericht über Hermanns Asienreise lesen Sie hier.

Kretschmann und Hermann sind Weggefährten, die einzigen, die alle 15 Jahre in der Ära Kretschmann gemeinsam im Kabinett waren. Daher wird der „liebe Winnie“ mit einer liebevollen Laudatio bedacht, in der der 78-jährige grüne Regierungschef auch seine eigene politische Agenda unterbringt.

Kretschmann lobt Nahverkehrszüge und Radwege

„Du freust dich über jeden gelben BWegt-Zug“, sagt er zu dem 76-jährigen Noch-Verkehrsminister – das sage er seiner Frau Gerlinde immer, wenn er selbst einen der Nahverkehrszüge sehe. Nicht unerwähnt lässt er die ersten Radschnellverbindungen: „Du weißt, das hat mich immer besonders angezündet, eine echte Alternative zum Auto.“ Inzwischen kämen sogar die fahrradbegeisterten Niederländer in den Südwesten, um zu sehen, was sich tue. Hermann selbst ist eben passionierter Radfahrer.

Eine Halbzeitbilanz von Winfried Hermann

Interessant sein Blick auf die Transformation – das Elektroauto wird von Grünen nämlich nicht mehr bekämpft: „Da muss man sich nicht wundern, wenn Cem Özdemir sagt: Wir können Auto.“ Er erinnert an den Ausbau der Ladeinfrastruktur – fünf Jahre, bevor die anderen die Planung begonnen hätten. Kretschmann selbst hat die Autoindustrie umarmt – etwa mit den Strategiedialogen zur Automobilwirtschaft.

Stuttgart 21 wurde zu Prüfstein für Winfried Hermann

Natürlich geht es auch um Stuttgart 21. „Sogar der Papst hat mich danach gefragt“, sagt Kretschmann. Trotz des verlorenen Volksentscheides hätten die Grünen „in allen Punkten recht gehabt“, was die Skepsis gegenüber dem Bahnprojekt angehe. Dennoch habe Hermann den Rollenwechsel vom Kritiker zum Gestalter des Tiefbahnhofes hervorragend bewältigt: „Du hast viele Verbesserungen vorgeschlagen.“ Das sei paradox, dass die Gegner den Bahnhof zu einem leistungsfähigen Knoten gemacht hätten.

Ein Interview mit Winfried Hermann lesen Sie hier.

Hermann sei immer offen und ohne Scheu vor Kontroversen gewesen, habe Widerspruch erlaubt und auch angenommen, viele Bundesverkehrsminister kommen und gehen sehen. „Und das macht alles jemand, der vom linken Flügel kommt“, sagt Kretschmann, „das war wirklich Realpolitik in der fundamentalen Absicht, etwas Neues zu schaffen.“ Er könne mit Stolz und erhobebem Haupt gehen. Und: „Jetzt guck bitte, dass du nicht vom Rad fällst.“

Wie begann das alles 2011?

Der langjährige Ministerialdirektor Hartmut Bäumer erinnert sich an den Start 2011 – als er „das Ministerium neu aufbauen“ musste. Nach dem Machtwechsel war von der CDU wenig zurückgelassen worden. „Ich war immer ein Realo bei den Grünen“, erinnert er sich, „aber wir haben immer gut zusammengearbeitet, das hat ganz wunderbar geklappt.“

Ein früherer Projektleiter von Stuttgart 21 sagt: „Das war das geilste Projekt, das ich gemacht habe. Wir hätten diesen Status nicht erreicht, wenn wir nicht so ein tolles Verkehrsministerium gehabt hätten.“

Von Feinstaub über die Hesse-Bahn bis zu Corona

Der spätere Amtschef Uwe Lahl erinnert sich an die Diskussion um Feinstaub. „Sie gelten als harter Hund“, sagt die Moderatorin. „Ich gelte als freundlich bei meiner Familie und meinen Mitarbeitern“, sagt er. Wie man mit begrenzten Mitteln die Zahl der Zugkilometer erhöhen konnte, erzählt er lebendig auf der Bühne. Oder wie die Fledermäuse auf der Hermann-Hesse-Bahn von Renningen bis Calw einen „Tunnel im Tunnel“ bekamen, damit die Bahn trotz Tierschutz fahren kann.

Gisela Splett, die 2016 Staatssekretärin im Ministerium wurde, erinnert sich an viele Themen, von Grünflächen an Straße bis zum „Paradigmenwechsel im Straßenbau“, wie sie sagt. „Ich habe gerne Bänder durchschnitten zur Eröffnung, aber wir haben lieber Bänder durchschnitten nach Sanierung statt nach Neubau“, sagt sie. Das seien spannende Debatten gewesen, auch weil kein Geld da war für die vielen geplanten Projekte. Man habe zuerst die Straßen mit der höchsten Verkehrsdichte priorisiert, und wie sanierungsbedürftig sie sei. „Nicht auf Zuruf, wer am lautesten ist, kriegt die Sanierung.“

Winfried Hermann und das Fahrrad

Die aktuelle Staatssekretärin Elke Zimmer erinnert sich daran, wie Hermann das Fahrrad als ernsthaftes Verkehrsmittel in die Politik eingeführt habe: „Das ist dein großes Verdienst. Das ist grandios gelungen, der Winne hat einen langen Atem.“ Daher sei Baden-Württemberg Vorzeigeland geworden.

Schließlich geht es um Elektromobilität – seit 2021 der aktuelle Amtschef Berthold Frieß: „Es war klar, es muss darum gehen, das Auto der Zukunft in Baden-Württemberg zu bauen.“ Hermann ruft er zu: „Du bist jemand, der unglaublich viel Vertrauen gibt. Ein Amtschef kann nur arbeiten, wenn er volle Rückendeckung hat, und das habe ich immer gehabt.“

So kommen viele Weggefährten zu Wort – irgendwie passt das zu einem Minister, der nie viel Aufhebens um sich selbst gemacht hat, und auch im Amt stets nahbar geblieben ist.

Hermann blickt zufrieden zurück

Am Ende ergreift Winfried Hermann selbst das Wort. Er dankt Winfried Kretschmann: „Ich habe dir immer vertraut, du hast mir vertraut. Und wir waren beide sehr erfolgreich.“ Er lobt seinen „liebsten Landrat“ Helmut Riegger aus Calw, seine Staatssekretäre, seine Ministerialdirektoren, für jeden ein freundliches Wort. Hermann erinnert sich, dass er schon immer Verkehrspolitik gemacht.

Im Landtag und Bundestag, aber er räumt auch ein: „Minister muss man erst lernen, am Anfang habe ich das Maul ziemlich voll genommen.“ Als erster grüner Verkehrsminister sei er eigentlich „undenkbar“ gewesen, manche hätten den Untergang des Autolandes befürchtet.

Manches Vorurteil wurde widerlegt

„Wir wollten nicht das Autoland umbringen, aber modern und klimafreundlich machen“, sagt Hermann zu seinem Werk. Nach drei Amtsperioden sei er auch von den anfänglichen Kritikern gelobt worden. „Es war ein Privileg, ich bin der einzige Verkehrsminister in der Bundesrepublik, der drei Perioden hatte.“ Das sei unerlässlich, um etwas zu erreichen, das schaffe man nur mit Kontinuität.

Zum Vergleich: In der Zeit habe er sechs Bundesverkehrsminister erlebt. Verkehrspolitik sei kein Sprint, sondern eher ein Marathon. Es sei nicht einfach gewesen, ein neues Ministerium aufzubauen, mit abgegebenen Abteilungen anderer Ministerien.

Hermann: Mehr Straßen gebaut als die CDU

Und letztlich reklamiert Hermann, deutlich mehr Straßen gebaut zu haben als seine Vorgänger. „Es gab eine lange Liste an Straßenbauvorhaben, für die wir 150 Jahre gebraucht hätten, um sie abzuarbeiten“, erzählt er. Ein Jahr lang habe man nach fachlichen Prioritäten geordnet, seither gebe es klare Kriterien: „Alle haben gesehen, dass man nicht alles machen kann.“

Hermann bekannt, gelernt zu haben, „nicht gegen jede Betonwand dreimal zu laufen“, und nennt sein Credo: Ungeduldig sein und wahnsinnig viel Geduld zu haben.

Was macht Winfried Hermann jetzt?

Er dankt seiner Frau und seiner Tochter, dass sie 2011 nach Stuttgart gezogen sind, was ihnen anfangs schwer gefallen sei. Dass er als Politiker oft kaputt nach Hause kam und von seiner Frau getragen worden sei: „Wir haben mehr Zeit füreinander, das werden wir nutzen.“

Hermann bekennt, dass er sich freut, auf die neue Zeit, auf Familie, Kultur und Sport. Aber aus dem politischen Leben will er nicht scheiden, sondern „Senior Adviser“ sein für Klima, Frieden und Demokratie. „Ich bin ein Kind der Demokratie, ich bin so alt wie Baden-Württemberg. Ich brenne für das Land und diese Demokratie.“

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