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Reaktivierung der Hesse-Bahn: Ein Tag für Böllerschüsse und Tanz

Bei der Einfahrt der Hermann-Hesse-Bahn in Calw drängen sich die Menschen auf dem Bahnsteig.
Landkreis Calw/Lightworkart – Manuel Kamuf)Calw. Wer nicht den Aufzug nehmen will, muss erst einmal viele Stufen überwinden. Denn die Hermann-Hesse-Bahn startet auf einem Gleis, mitten in Calw und zugleich hoch über der Stadt. Wer hier auf den Zug wartet, kann die Aussicht genießen. Am Eröffnungstag ist das freilich nur bedingt möglich. Denn der Bahnsteig ist brechend voll. Immer wieder werden die Leute aufgefordert, doch Abstand zur Bahnsteigkante zu halten. Die Spannung steigt. Dann biegt der Zug lautlos, da batterieelektrisch betrieben, um die Ecke: Die Hermann-Hesse-Bahn ist bereit für ihre Jungfernfahrt.
„Ich mache keine Witze mehr über Infrastruktur“, sagt Landrat Helmut Riegger (CDU), dem die Erleichterung anzusehen ist, dass die Bahn nun endlich ihren Betrieb aufnimmt. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er nun schon an der Reaktivierung der alten Bahnstrecke von Calw nach Weil der Stadt (Kreis Böblingen). 1983 war der letzte Personenzug auf der Strecke gefahren, 1988 der letzte Güterzug. 1989 wurde die Strecke endgültig stillgelegt. „Was wir heute erleben durften, war weit mehr als die Eröffnung einer Bahnlinie. Es war ein Tag voller Emotionen, Begegnungen und ehrlicher Freude“, so Riegger. Für den die Bahn auch ein Ergebnis von Mut, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen ist.
Ab dem Sommer soll die Bahn dann sogar bis Renningen fahren. Dann müssen Fahrgäste, die nach Böblingen wollen, nur noch einmal umsteigen. Da sich hier die S6 von Weil der Stadt und die S60 nach Böblingen trennen. Auch der Bürgermeister von Calw, Florian Kling (SPD) , strahlt über das ganze Gesicht. Er hatte als Kind schon in den stillgelegten Tunneln und auf dem leeren Bahndamm gespielt.
Zug wird mit Fahnen, Musik und Konfetti erwartet
Welche Bedeutung die Bahn für die Region hat, wird bei der Fahrt deutlich. Auf den Bahnsteigen von Calw-Heumaden, Altensteig und Ostelsheim drängen sich die Menschen dicht an dicht, winken, schwenken Papierfähnchen. Kinder haben Luftballons dabei. Konfettikanonen und Musikkapellen begrüßen die Ehrengäste, darunter auch die Bürgermeister von Calw, Altensteig und Ostelsheim, den Landrat des Kreises Böblingen, Roland Bernhard (parteilos) , und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Auch außerhalb der Bahnhöfe halten Menschen an und winken, als der mit 120 Personen voll besetzte Zug vorbeifährt. Man fühlt sich fast in eine andere Zeit zurückversetzt. „Heute ist wieder ein Tag für Böllerschüsse und Tanz“, sagt Kling. Ganz so wie 1872, als die Bahnstrecke der Schwarzwaldbahn erstmals eröffnet wurde.
Verkehrsminister Hermann war schon bei vielen Eröffnungen. Doch die Eröffnung der Hermann-Hesse-Bahn ist auch für ihn etwas Besonderes. Es ist die erste Strecke, die während seiner Amtszeit seit 2011 reaktiviert wurde und in Betrieb geht. Zwei weitere Strecken sind im Bau: Im Kreis Esslingen zwischen Bernhausen und Neuhausen und im Kreis Waldshut zwischen Lauchringen und Weizen. Weitere elf Strecken sind in Planung. Für sieben Strecken sind die Machbarkeitsstudien abgeschlossen, neun weitere werden derzeit auf ihre Wirtschaftlichkeit hin untersucht.
Bis zur Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn galt es allerdings einige Hindernisse zu überwinden und Überzeugungsarbeit zu leisten. So stießen die Pläne beispielsweise in Weil der Stadt zunächst nicht auf große Begeisterung. Zum einen musste eine Brücke, die die Stadt abgerissen hatte, für die Bahn wieder gebaut werden, was der Kreis Calw übernommen hat. Zum anderen gab es die Sorge, dass künftig Dieselloks nach Weil der Stadt fahren. Denn die Strecke nach Calw ist nicht elektrifiziert. Hier fand sich eine Lösung mit batterieelektrischen Zügen. Diese sind bereits erprobt, da sie schon länger im Ortenaukreis unterwegs sind.
Gute Lösung für die Fledermäuse gefunden
Weiteres Hindernis waren die Fledermäuse, die sich in den stillgelegten Tunneln eingenistet hatten. Der Naturschutzbund hatte deshalb auch gegen die Reaktivierung der Tunnel geklagt. Denn die Tunnel beherbergen, wie Nabu-Landeschef Johannes Enssle erläutert, ein bundesweit bedeutsames Fledermausvorkommen. Denn im August kommen hier viele Tiere auf Partnersuche zusammen. Die Lösung, die gefunden wurde: ein Tunnel im Tunnel, so dass die Fledermäuse ungestört in den äußeren Tunnel ein und ausfliegen können.
Zugleich wurde der Tunnelbereich für die Bahn verlängert und so mit Ultraschall versehen, dass die Fledermäuse nicht in den falschen Tunnel fliegen und mit dem Zug kollidieren. „Hier wurde Pionierarbeit geleistet“, sagt Enssle. Das Projekt sei beispielgebend für andere, ist er überzeugt. Der Landkreis beziffert die Kosten für den Natur- und Artenschutz auf rund 80 Millionen Euro.