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Im Interview: Handwerk BW-Chef Peter Haas

„Für die Handwerksbetriebe gibt es mehr zu tun denn je“

Trotz verhaltener Konjunkturprognosen hat das Handwerk Zukunft. Davon ist Peter Haas überzeugt. Der Hauptgeschäftsführer von Handwerk BW, der Stimme für rund 140.000 Handwerksbetriebe im Südwesten, zeigt sich zu Jahresbeginn optimistisch über die Aussichten in seiner Branche.
Mann mit Brille und Bart gestikuliert mit Hand.

Peter Haas ist seit April 2021 Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (Handwerk BW).

dpa/Bernd Weißbrod)

Staatsanzeiger: Herr Haas, was macht Sie so sicher, dass das Handwerk in Zukunft den sprichwörtlichen „goldenen Boden“ besitzt?

Peter Haas: Es ist die einfache Formel von Angebot und Nachfrage. Wir werden in vielen Bereichen ein geringeres Angebot an Handwerksleistungen bei gleichbleibender oder wachsender Nachfrage haben. Beispielsweise, wenn es um moderne Technologie rund ums Haus geht oder um eine nachhaltige Ernährung. Wir stehen am Anfang einer demografischen Delle. Das heißt, das Angebot an Fachkräften und die Zahl der Betriebe werden eher zurückgehen. Für alle Betriebe, die uns erhalten bleiben, gibt es also mehr denn je zu tun.

Wo sehen Sie die Auftragschancen für die Betriebe?

Die sehe ich in allen Berufen, die mit Menschen zu tun haben. Nicht nur in der Pflege. Auch im Handwerk gibt es Gesundheitsberufe wie Orthopädietechnik oder Augenoptik. Profitieren werden auch alle Handwerke rund ums Gebäude: alles, was mit Digitalisierung und Heizungsmodernisierung zu tun hat, oder auch das Kfz-Gewerbe. Wir haben immer noch Millionen von Fahrzeugen auf der Straße mit einer Technik, die nicht die von übermorgen ist und die fahren noch zehn, zwanzig Jahre. Die Frage ist: Auf wie viele Werkstätten werden diese Fahrzeuge in den nächsten Jahren treffen? Das heißt: Egal, was man im Handwerk macht – das ist auch die Botschaft an junge Leute oder an diejenigen, die in der Unternehmerschaft ein bisschen an Zuversicht verloren haben – es wird seinen Markt haben.

De r Fachkräftemangel könnte das ausbremsen, außer die Betriebe können mehr junge Menschen gewinnen.

Wir sind ein Wirtschaftszweig mit steigenden Ausbildungszahlen. Während sie in Industrie und Handel 2025 zurückgegangen sind, liegen wir im Handwerk mit knapp drei Prozent im Plus. Zudem hat sich etwas getan in unserer Gesellschaft: Bei den Menschen, auch bei den Eltern, wächst die Wertschätzung für handwerkliche Berufe wieder. Und wir haben es in Baden-Württemberg geschafft, mit dem neuen Schulgesetz die Berufsorientierung in allen Schulformen stärker zu verankern – und zwar verpflichtend auch Richtung Ausbildung und nicht nur Richtung Studium.

Große Konzerne wie Bosch, Mercedes und ZF entlassen Tausende Arbeitskräfte. Kann das Handwerk betroffene Arbeitnehmer übernehmen?

Wir arbeiten daran. Zusammen mit der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit werden wir ausloten, wie wir Menschen aus großen Konzernen für das Handwerk gewinnen können. Wir treffen da auf Hürden wie das Tarifniveau, das in der Industrie über die letzten Jahre und Jahrzehnte davongaloppiert ist. Wir haben es aber auch mit der Betriebskultur zu tun. Es ist etwas anderes, in einem Sechs-Mann-Betrieb zu arbeiten, in dem man sich jeden Tag selbst Lösungen einfallen lassen muss, als wenn man siebeneinhalb Stunden immer nach Schema F arbeitet. Insofern haben wir da sicher auch Kulturarbeit zu leisten.

Entscheidend ist, dass Menschen bereit sind, sich selbstständig zu machen und neue Betriebe aufzubauen. Ist die Motivation dafür ausreichend?

Ich sehe im Moment viel Demotivierendes. Das hat mit Bürokratiebelastung des Unternehmertums zu tun. Wir brauchen dringend einen spürbaren Bürokratieabbau – wir brauchen quasi die „Entlastungsallianz mal 100“. Und wir brauchen tatsächlich ein neues Vertrauen der Politik in die Unternehmerschaft: dass diese Menschen morgens nicht aufstehen, um gegen Gesetze zu verstoßen, sondern dass man ihnen einfach mehr Beinfreiheit lässt. Wenn sich das herumspricht, dann ist das auch wieder eine Motivation für Jungunternehmer.

Zur Person

Peter Haas ist seit April 2021 Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (Handwerk BW). Der Diplom-Volkswirt startete als Journalist bei WDR, RTL und Radio NRW. Später war Haas bei der Handwerkskammer Hamburg als Leiter Kommunikation und Marketing, beim Arbeitgeberverband Nordmetall als Geschäftsführer und zuletzt als Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwesttextil tätig.

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