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Wirtschaft

St. Johann auf der Schwäbischen Alb wird zum Leuchtturm für digitalen Straßen- und Tiefbau

Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg und der BIM-Cluster wollen erreichen, dass Straßen- und Tiefbauprojekte auch auf kommunaler Ebene künftig digital geplant und umgesetzt werden. Wie dies in der Praxis funktioniert, zeigt ein mittelständisches Bauunternehmen auf der Schwäbischen Alb.
Fünf Personen mit Warnwesten und Helmen auf einer Baustelle vor einem Bagger.

Wie die Digitalisierung auf der Baustelle praktisch funktioniert, ließ sich Innenminister Thomas Strobl (2. von rechts) in St. Johann von einem Mitarbeiter von Schrode-Bau, dem Geschäftsführer des Tiefbauunternehmens Lukas Schrode und Rainer Mang von der Bauwirtschaft Baden-Württemberg (von links) erklären.

Jürgen Schmidt)

St. Johann. Wenn es um Straßenbau geht, ist Innenminister Thomas Strobl für Lobbyverbände wie die Bauwirtschaft Baden-Württemberg eigentlich nicht der erste Ansprechpartner. Doch weil der CDU-Politiker in seinem Ressort sowohl für die Städte und Gemeinden als auch die Digitalisierung zuständig ist, war Strobl doch der richtige, um die Landesregierung für den flächendeckenden Einsatz digitaler Lösungen auch bei kleinen Infrastrukturprojekten zu interessieren.

Die Sanierung der Ortsdurchfahrt von Bleichstetten, einem Ortsteil von St. Johann auf der Alb südlich von Reutlingen, ist so ein kommunales Bauvorhaben. 2,3 Millionen Euro werden für die Erneuerung von Wasser- und Abwasserleitung und Straßenbelag investiert. Ein Teil der Maßnahme ist bereits fertiggestellt.

Bauunternehmen entwickelt Software und Messgeräte

Doch die Baustelle in dem beschaulichen Alb-Dorf ist keine gewöhnliche. Es sei „eine bundesweit einmalige Best-Practice-Baustelle“, betont das Bauunternehmen MTS Schrode aus dem 30 Kilometer entfernten Hayingen. Denn von der Planung bis zur Steuerung der Maschinen und der Dokumentation aller Baufortschritte läuft alles digital. Den gängigen Begriff Building Information Modeling, kurz BIM vermeidet der Vorstandschef der Unternehmensgruppe, Rainer Schrode, bewusst. Das löse in den Kommunen oft Vorbehalte oder gar Ängste aus. Schrode spricht deshalb lieber von „durchgängig digital.“

Der Mittelständler mit rund 200 Mitarbeitern hat dabei einen Vorteil im Vergleich zu anderen Baufirmen. Denn die Unternehmensgruppe baut nicht nur, sondern entwickelt und produziert neben Maschinen zur Bodenverdichtung und Bodenaufbereitung auch Software und Messgeräte für die Digitalisierung des Straßenbaus.

Das Bauvorhaben in Bleichstetten ist für MTS Schrode kein Pilotprojekt mehr, sondern Alltag. „Wir arbeiten inzwischen auf jeder Baustelle komplett digital“, erklärt Juniorchef Lukas Schrode, der die Tief- und Straßenbau-Tochter leitet.

Digitalisierung kann Kosten um bis zu 30 Prozent senken

Das setzt allerdings voraus, dass die Planer und später auch die Arbeiter auf der Baustelle über ein digitales 3-D-Modell verfügen. Und das muss in der Regel erst im Unternehmen erzeugt werden. „29 von 30 Plänen sind in 2-D“, sagt Lukas Schrode. Um diese mithilfe von Geodaten in ein 3-D-Modell umzuwandeln, seien einige Tage Vorarbeit am Schreibtisch erforderlich.

Dieser Mehraufwand zahlt sich dann auf der Baustelle aus. Statt sechs bis sieben Arbeitern seien auf einer Baustelle wie in Bleichstetten nur noch vier erforderlich, erklärt Lukas Schrode. Sein Vater schätzt, dass sich die Kosten bei solchen Projekten um bis zu 30 Prozent reduzieren lassen.

Produktivität am Bau stagniert seit 30 Jahren

Die Schrodes exerzieren damit vor, was die Bauwirtschaft Baden-Württemberg in der Fläche erreichen will. „Die Bauwirtschaft stagniert seit drei Jahrzehnten bei der Produktivität“, klagt Rainer Mang, der im Verband den Bereich Bau- und Architektenrecht leitet. Durch die Digitalisierung soll dieser Produktivitätsschub nun in den nächsten vier Jahren kommen.

Dafür will der Verband auch den Innenminister in die Pflicht nehmen. Das Land müsse dafür klare Leitplanken und einheitliche Rahmenbedingungen setzen und den Kommunen konkrete Hilfestellungen anbieten, forderte Mang. Er überreichte Strobl ein Positionspapier für eine Digitalisierungsstrategie bis 2030, das die Bauwirtschaft gemeinsam mit dem BIM-Cluster erarbeitet hat.

Kommune kann 3-D-Modell noch nicht einsetzen

In der Praxis werden digitale Lösungen aber derzeit noch wenig nachgefragt, so die Erfahrung bei MTS Schrode. „Wir können relativ viel, doch die Bauherren müssen das auch beauftragen“, sagt Rainer Schrode.

Doch vor allem kleinere Gemeinden wie St. Johann sind noch nicht so weit. Die Kommune bekommt nach Abschluss der Bauarbeiten ein digitales 3-D-Modell der Straße, doch einsetzen kann man das noch nicht, meint die 1. stellvertretende Bürgermeisterin, Manuela Wendler.

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