Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Wie Hunde vor Gericht traumatisierte Opfer stützen

Das Projekt „Die Mutmacher“ der Firma Prävent Sozial umfasst Therapie-, Unterstützungs- und Begleitformate mit Hunden.
Nico Eberle)Stuttgart. „Ganz ehrlich, ohne Nele wäre ich gar nicht zum Gerichtstermin gekommen. Ohne Hund hätte mich da niemand freiwillig reinbekommen.“ Maja (Name von der Redaktion geändert) meint mit ‚da’ das Stuttgarter Amtsgericht. Und Nele ist keine beste Freundin, sondern eine Golden Retriever-Dame. Sie begleitete die 16-Jährige auf einen Termin, der alles andere als leicht war. Sie musste im Prozess aussagen: Maja wurde von ihrem Exfreund vergewaltigt.
Doch Nele gab ihr Halt, denn sie gehört zu den „Mutmachern“ des Vernehmungsbegleithundeteams – wie Golden-Retriever J-Lo, Labrador-Retriever Mikko, Mischling Gina, Australien Shepherd Tanita sowie die beiden Altdeutschen Schäferhunde Viva und Daika.
Das Projekt „Die Mutmacher“ von Prävent Sozial, einem gemeinnützigen Unternehmen für Justiznahe Soziale Dienste, bietet hundegestützte Therapie-, Unterstützungs- und Begleitformate an. Seit 2020 begleiten die Vernehmungsbegleithundeteams schutzbedürftige Zeugen in Strafverfahren, insbesondere minderjährige Opfer von schweren Gewalt- und Sexualdelikten sowie besonders schutzbedürftige erwachsene Opfer. Die Vierbeiner sind als erste Vernehmungsbegleithunde in Baden-Württemberg nicht nur Pioniere. Sie haben auch das „next level“ erreicht und das Pilotprojekt „Qualifizierungsprogramm für Vernehmungsbegleithundeteams“ erfolgreich abgeschlossen.
Begleitung von Opfern und Zeugen im Strafverfahren
Es ist bundesweit das Erste seiner Art und wurde am Amtsgericht Stuttgart durchgeführt, entwickelt mit der Tierärztin Alexandra Knipf bei Prävent Sozial.
Prävent Sozial bietet neben der psychosozialen Begleitung von Opferzeugen und Angehörigen im Strafverfahren auch Betreuungs- und Therapieangebote im Landgerichtsbezirk Stuttgart an – zur Resozialisierung und Wiedereingliederung Straffälliger. Das Hundeprogramm umfasst mindestens sieben Termine, die Mensch-Hund-Teams auf ihren Einsatz in Vernehmungssituationen bei Polizei und Gericht vorbereiten und den Hund zum „sicheren Ankerpunkt“ machen, an dem man sich während der Vernehmung orientieren kann. Die Opfer beschreiben das als beruhigend, angstreduzierend, physiologisch entspannend. Sie werden dabei nicht nur von Hund und Hundeführer zu den Vernehmungen begleitet, sondern auch von einer psychosozialen Prozessbegleitperson, so Mutmacher-Projektleiterin Sabine Kubinski.
Viva hilft Neunjähriger, die missbraucht wurde
„Der Strafprozess gegen den Peiniger ist für viele Opfer ein großer Kraftakt“, sagt Justizministerin Marion Gentges (CDU). „Deshalb muss der Staat sicherstellen, dass Opfer umfassende und verlässliche Unterstützung erhalten.“ So werde Vertrauen und Stabilität aufgebaut. Das sei ein Gewinn für den Rechtsstaat, da Betroffene dann häufig klarere und verlässlichere Angaben zu dem Geschehen machen könnten.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass meine Tochter so viel lacht am Vernehmungstag“, berichtet die Mutter einer Neunjährigen, die vom Großvater missbraucht wurde. „Alles, was mit dem Verfahren zu tun hatte, war von einer solchen Schwere umgeben, dass ich mich manchmal gar nicht mehr getraut habe, mit ihr darüber zu sprechen.“
Dann kam Mutmacherin Viva hinzu. Zwar habe ihre Tochter weiterhin Angst vor dem Vernehmungstermin gehabt, aber sie habe sich auch gefreut, Viva wiederzusehen. „Der Tag war für sie schwer und dennoch hat sie in den Pausen immer wieder herzlich über Viva gelacht – das war so unglaublich viel wert“, sagt die Mutter des Mädchens.