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Pilotprojekt für Baden-Württemberg

Wie sich der Bau einer Brücke von zwei Jahren auf 75 Tage verkürzen lässt

Erstmals wird in Baden-Württemberg eine Expressbrücke gebaut, um ein marodes Bauwerk zu ersetzen. Dank der Verwendung von Fertigteilen soll sich die Bauzeit der Brücke, an der die Bauarbeiten vor Kurzem begonnen wurden, von zwei Jahren auf zweieinhalb Monate reduzieren.
Bagger auf Baustelle neben Brücke und Bäumen im Hintergrund.

Die Murrbrücke in Marbach am Neckar soll innerhalb von zweieinhalb Monaten urch einen Neubau ersetzt werden. Mitte Oktober ist die Freigabe geplant.

Jürgen Schmidt)

Marbach/Stuttgart. Die Brücke über die Murr bei Marbach am Neckar im Kreis Ludwigsburg gehört mit 49 Metern Länge und sechs Metern Höhe zu den Unscheinbaren im Land. Doch nun soll das Bauwerk an der Landesstraße 1100 oder vielmehr dessen Nachfolgerin zu einem Modellprojekt für ganz Baden-Württemberg werden. Denn erstmals wird eine kaputte Brücke durch eine sogenannte Expressbrücke ersetzt.

Was für den Südwesten Neuland im Ingenieurbau ist, gehört in Nordrhein-Westfalen fast schon zum Standard. „Wir haben in sieben Jahren 26 Expressbrücken gebaut“, erklärt der Technische Leiter der Echterhoff Bau-Gruppe, Theo Reddemann. Das mittelständische Familienunternehmen aus Westerkappeln in der Nähe von Osnabrück hat die Bauweise entwickelt, um dem stark wachsenden Bedarf an Ersatzneubauten für marode Brücken zu begegnen.

Modulbauweise funktioniert für 80 Prozent aller Brücken

Echterhoff setzt dabei auf modulares Bauen mit Betonfertigteilen, die vor Ort zusammengefügt werden. Das System sei für Brücken mit einer Stützweite von bis zu 50 Metern anwendbar, und damit für 80 Prozent aller Brückenersatzneubauten in Deutschland geeignet, so Reddemann. Damit meint er sowohl Straßen- als auch Eisenbahnbrücken.

Mit dem Neubau der Brücke über die Murr kurz vor ihrer Mündung in den Neckar hatte sich die Straßenbauverwaltung des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart schon seit 2023 beschäftigt. Denn das Bauwerk stammt aus dem Jahr 1956 und weist altersbedingte Schäden auf. Zudem ist die Brücke mit rund 16 000 Fahrzeugen täglich, davon 6,5 Prozent Lkw, stark belastet.

Murrbrücke gehört zu den besonders gefährdeten Bauwerken im Land

Der Druck zum Handeln habe sich 2025 noch einmal erhöht, erklärt Andreas Klein, der im RP Stuttgart das Baureferat West leitet, das für die Landkreise Böblingen und Ludwigsburg und den Stadtkreis Stuttgart zuständig ist. Denn Ende 2024 wurde bekannt, dass Spannstahl verbaut wurde, der korrosionsanfällig ist.

Bei der Carolobrücke in Dresden hatte dies im gleichen Jahr zu deren Einsturz geführt. Das Verkehrsministerium hatte damals das Ziel ausgegeben, alle betroffenen Brücken im Land bis 2030 zu ersetzen.

Ursprünglich war für die Murrbrücke geplant gewesen, diese mit nur einer halbseitigen Sperrung der Straße neu zu bauen. Dafür war eine Bauzeit von zwei Jahren veranschlagt. Doch dann wurde das Bauwerk in die Stufe I des Brückenerhaltungsprogramms des Landes aufgenommen und damit als besonders dringlich eingestuft. Dadurch hätte die Bauzeit um ein Viertel auf 1,5 Jahre verkürzt werden sollen. Dass es auch noch sehr viel schneller geht, wurde deutlich, nachdem das Regierungspräsidium Echterhoff im vergangenen Jahr als Generalplaner engagiert hatte. Denn das Unternehmen sicherte zu, mit seiner Expressbauweise die Brücke in nur 75 Tagen reiner Bauzeit ersetzen zu können. Das sei allerdings nur mit einer Vollsperrung möglich, so Reddemann.

Modulbauweise verringert Belastung für das Ökosystem Fluss

Für die in Baden-Württemberg bislang noch nicht angewandte Bauart spricht aber nicht nur das Tempo. Sie sei auch deutlich naturverträglicher als konventionell zu bauen, erklärt Andreas Klein. Denn die Eingriffszeit in das Ökosystem des Flusses werde minimiert, der Flächenbedarf sei deutlich geringer und das Hochwasserrisiko in der Bauphase falle geringer aus.

Bei Echterhoff verweist man darüber hinaus auf die günstigere Klimabilanz der Expressbauweise. Sie sorge für weniger Staus und Zugausfälle – und damit auch für eine erhebliche CO -Einsparung sowie Reduzierung von volkswirtschaftlichen Schäden, etwa den Zeitverlust durch Staus.

Für das Pilotprojekt hat das RP Stuttgart als Bauherr auch die Zusammenarbeit neu aufgesetzt. So habe es bereits vor der Vergabe Gespräche zwischen dem RP, den Trägern öffentlicher Belange und der Baufirma gegeben. Und durch die Vergabe an einen Generalplaner liegen nun Planung und Ausführung in einer Hand. Das Konzept sieht auch regelmäßige Abstimmungen zwischen Baufirma, Landratsamt und dem RP-Baureferat vor, um die möglichen Bauabläufe zu prüfen.

Die Freigabe ist für Oktober geplant

Derzeit laufen die Vorarbeiten rund um die Murrbrücke, ab Ende Juli, der Beginn der Sommerferien, ist die Landesstraße dann voll gesperrt. Ab dem 3. August soll die alte Brücke abgerissen werden, danach startet der Neubau. Und schon am 11. Oktober sollen Brücke und Straße wieder komplett für den Verkehr freigegeben werden.

Das Neun-Millionen-Euro-Projekt soll auch den Verkehr in diesem Bereich entzerren. Dafür wird die neue Brücke fast doppelt so breit wie die bisherige. Das erlaubt zwei Fahrspuren in jede Richtung und eine Abbiegerspur in Richtung Benningen kurz nach der Murrquerung.

Mehr als 700 Brücken im Land marode

In Baden-Württemberg gibt es rund 4000 Bundesstraßenbrücken und etwa 3300 an Landesstraßen. Nach Angaben des Verkehrsministeriums von Ende vergangenen Jahres ist jede zehnte Brücke davon sanierungsbedürftig . Besonders im Fokus stehen dabei Brücken, die bautechnisch ähnlich errichtet wurden, wie die Dresdner Carolabrücke. Diese 73 Brücken im Land sollen bis 2030 durch Neubauten ersetzt werden.

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