Tiny Houses: Kleine Wohnform benötigt relativ viel Platz

Immer mehr Menschen wollen ihre geräumigen Wohnungen gegen Tiny Houses eintauschen. Die Mini-Häuser liegen im Trend und finden in der Gesellschaft großen Anklang. Doch eine Lösung gegen Wohnraummangel sind sie nicht und auch beim Energieverbrauch gibt es effizientere Bauweisen.

Leben auf kleinem Raum liegt im Trend. Viele Städte setzen deshalb Tiny-House-Projekte um. Doch eine Antwort auf den Wohnraummangel bietet diese Wohnform nicht.

dpa/Uli Deck)

STUTTGART. Weniger ist vielen mehr: Tiny-House-Bewohner verbinden mit dem Trend ein Plus an Lebensqualität. Die Nachfrage in vielen Kommunen ist groß, das Wohnen auf kleinem Raum bietet sich punktuell für Nachverdichtung an.

So will die Stadt Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) für Geflüchtete aus der Ukraine zwei Holz-Modulbauten einrichten, die rund 80 Menschen beherbergen sollen. In Schorndorf (Rems-Murr-Kreis) sind nach zwei Jahren Planung im Januar die ersten zwei von fünf Tiny Houses bezogen worden. Es waren landesweit die ersten Gebäude dieser Art auf kommunalem Grund.

Auch die Stadt Nürtingen (Landkreis Esslingen) will ein solches Modellvorhaben auf städtischen Flächen umsetzen. Bei der Suche nach geeigneten Standorten waren unter anderem die Erschließungsmöglichkeit, die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und die Nahversorgung wesentliche Kriterien, teilt die Stadt mit. Wie in Schorndorf will Nürtingen die Flächen ebenfalls für die Dauer von zehn Jahren verpachten und keine Tiny Houses auf Rädern zulassen. Sie sind dann von den Interessenten selbst zu errichten.

Ministerium: Große Grundfläche im Verhältnis zur Wohnfläche

In der Stadt Mühlacker (Enzkreis) ist auf 1,3 Hektar gar die größte Tiny-House-Siedlung in Deutschland geplant. Frühestens 2023 könnten die ersten der insgesamt 62 geplanten Gebäude stehen.

Doch so beliebt die alternative Wohnform auch ist: Experten sind sich einig, dass sie den Mangel an Wohnraum nicht lösen wird. In Bezug auf den Flächenverbrauch seien „Tiny Houses“ kritisch zu betrachten, schreibt beispielsweise das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen in einer Stellungnahme. Aufgrund von Abstandsflächen und der in der Regel geringen Geschossigkeit hätten die Kleinsthäuser eine vergleichsweise große Grundfläche im Verhältnis zur Wohnfläche.

„Tiny Houses“ könnten, so das Ministerium weiter, daher in deutlich geringerem Umfang zur Behebung des Wohnraummangels beitragen als verdichtete Wohnformen. In ökologischer Hinsicht sollte eine bedarfsgerechte und dauerhafte Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum daher – auch im Sinne des Flächensparens – vorrangig in bestehenden Quartieren entstehen, oder im Zuge von neuen Quartiersentwicklungen auf Brachen oder Konversionsflächen. Das Ministerium verweist auf die Chancen verdichteter Bauten. Flächen könnten bei doppelter Nutzung gespart werden, etwa durch die Aufstockung von Garagen.

Infrastruktur, wie etwa Waschsalons, fehlt

Zudem, so heißt es in der Stellungnahme weiter, hätten die Gebäude eine schlechte Energieeffizienz und einen hohen Heizenergieverbrauch. Effizienter seien Mehrfamilienhäuser mit niedriger Pro-Kopf-Wohnfläche.

Baurechtlich gesehen werden die Mini-Häuser wie normale Häuser behandelt. Sie sind genehmigungspflichtig, müssen – auch wenn es in manchen Bereichen Erleichterungen bei der Genehmigung gibt – Brandschutzvorgaben erfüllen. Überdies dürfen sie in einem Wohngebiet nur dann errichtet werden, wenn eine solche Wohnform dort erlaubt ist.

Rottenburger Grüne wollen Enkelgrundstücke bebauen

Diskutiert wurde ein solches Vorhaben im Gemeinderat von Rottenburg (Landkreis Tübingen) auf Antrag der Grünen. Sie hatten vorgeschlagen, damit leerstehende Enkelgrundstücke zu bebauen. Das Stadtplanungsamt unterstützt solche Nachverdichtungen von Baulücken, heißt es in der Vorlage. Für eine wirkliche Nachverdichtung im Innenbereich seien Tiny Houses jedoch nicht geeignet.

Letztlich hatte der Bauausschuss in der Sitzung im Januar empfohlen, die Ansiedlung der Mini-Häuser zu ermöglichen – aber keine separaten Baugebiete für diese Wohnformen zuzulassen.

Kleinsthäuser auf Rädern oft nicht erlaubt

Die Städte Schorndorf und Nürtingen lassen keine Tiny Houses auf Rädern zu. Laut Tobias Engel sind jedoch die mobilen Wohnungen besonders begehrt. Sie könnten aber hierzulande, anders als in den USA, oft nicht umgesetzt werden, schreibt er in seiner Bachelorarbeit für die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Damit stehe sich die Bewegung teilweise selbst im Weg, da diese Form somit faktisch keine Vorteile gegenüber anderen Tiny- House-Bauvarianten biete. Trotz einiger Vorteile werde die Wohnform „auch in Zukunft keine Massentauglichkeit erlangen“, schreibt er weiter.

Quelle/Autor: Philipp Rudolf

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