Debatten im Landtag vom 26. Januar 2022

Programm Rückenwind: „Umfang ist hinter dem Notwendigen zurückgeblieben“

Programme wie Rückenwind sollen Schülern dabei helfen, ihre Lernrückstände wegen Corona aufzuholen. Während die Regierungsfraktionen ihre Programme loben, kritisiert die Opposition den Mangel an Lehrkräften und Schulpsychologen.

STUTTGART. Regierungs- und Oppositionsfraktionen sind uneins in der Bewertung der Programme, die Schülern helfen sollen, Corona-Rückstande aufzuarbeiten, allen voran das vom Bund kofinanzierte Programm „Rückenwind“. Für die Grünen lobte Susanne Aschhoff, dass das vom Bund zur Verfügung gestellte Geld in Baden-Württemberg „sehr gut“ angelegt sei, denn mit Hilfe von Rückenwind bekämen „alle Schülerinnen und Schüler Möglichkeiten, trotz des Andauerns der Pandemie einen guten Anschluss zu finden“.

Das sei viel mehr als nur ein Nachhilfeprogramm. Mit den gewonnenen Erfahrungswerten könne auch „der künftige Ganztagsbetrieb an Schulen möglichst breit und hochwertig aufgestellt werden und wir fördern den gerechten Bildungszugang für jeden Einzelnen“. Der Bildungsexperte der SPD-Fraktion Stefan Fulst-Blei monierte dagegen, dass das Programm deutlich später gestartet sei als geplant. „Sein Umfang ist bislang immer noch hinter dem Notwendigen zurückgeblieben“, so der Mannheimer Abgeordnete, der die Ursache im immensen Organisationsaufwand sieht: „Dieser wird nicht ausreichend ausgeglichen, und insbesondere im ländlichen Raum gibt es große Probleme bei der Personalakquise.“

FDP für mehr Schulpsychologen

Auch der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Timm Kern sieht dringenden Verbesserungsbedarf, etwa weil psychische Probleme von Kindern und Jugendlichen zunähmen: „Deshalb benötigen wir dringend mehr Schulpsychologinnen und -psychologen an baden-württembergischen Schulen.“ Zudem sei sicherzustellen, dass verpasster Unterricht möglichst zügig aufgeholt werde und faktisch sei die Versorgung der Schulen mit Lehrkräften aber nach wie vor besorgniserregend. „Dass Grün-Schwarz vor diesem Hintergrund in den Haushaltsberatungen noch nicht einmal die dringendsten Personalwünsche ihrer eigenen Kultusministerin erfüllt hat, lässt den aufmerksamen Beobachter fassungslos den Kopf schütteln“, so Kern weiter.

„Selbstverständlich spart die Opposition nicht mit Kritik“, konterte der CDU-Abgeordnete Andreas Sturm, „und die Regierung versucht, den eigenen Erfolg zu belegen.“ So gesehen werde unterschiedlich bewertet, ob die 61.000 Teilnehmer von „Lernen mit Rückenwind“ ein Erfolg seien. Er gebe aber zu bedenken, dass die Landesregierung sehr kurzfristig viel Geld für freiwillige Programme zur Verfügung gestellt habe, um coronabedingte Lernrückstände aufzuholen. Neben dem bereits erwähnten Programm „Lernen mit Rückenwind“ gebe es auch „Bridge the Gap“ und die „Lernbrücken“, um passgenau das richtige Angebot zu haben.

AfD: „Realisierte Dystopie“

Rainer Balzer (AfD) kritisierte dagegen, wie die Landesregierung seit 21 Monaten versuche, das Coronavirus zu bekämpfen: „Doch immer mehr artet ihr Kampf in einen sinnlosen Krieg gegen Grundrechte, Menschenwürde, Logik, Verstand und vor allem gegen die Kinder aus.“ Das, was seit März 2020 gesellschaftlich über die Familien und die Kinder in den Schulen und in jedem Haushalt, aber auch öffentlich im Namen der Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 hereingebrochen sei, könne man mittlerweile nur als realisierte Dystopie bezeichnen.

Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) erinnerte daran, dass die Programme nicht nur der Lernrückstände wegen aufgelegt seien: „Vielmehr ist mir noch einmal der Hinweis wichtig, dass gerade im sozialemotionalen Bereich oftmals größere Schäden vorliegen, als es das nackte Defizit beim Bruchrechnen oder das nackte Defizit in der Fremdsprache darstellt.“ Ein sehr wichtiger Punkt für sie sei, wie den Lehramtsstudierenden beim Programm Rückenwind die Türen aufgemacht worden seien. Die Kräfte von außen machten „natürlich immer auch – sage ich mal – eine gewisse Mühe, weil man sie erst einlernen muss“. Der Einsatz sei aber sehr wichtig und richtig. Und sie berichtete von positiven Rückmeldungen der Schulen, etwa, dass anders als in anderen Ländern, Rückenwind nicht komplett an Nachhilfeinstitute und an außerschulische Bildungsträger outgesourct, sondern die Kooperation gesucht worden sei.

Quelle/Autor: Brigitte Johanna Henkel-Waidhofer

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26. Januar 2022