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Oberbürgermeisterwahl: Baden-Baden sucht einen Superhelden

Die OB-Kandidaten stellten sich im Kurhaus rund 800 Menschen vor: Philippe Maisch (von links), Jürgen Rahner, Günther Tammert, Thomas Jung, Stefan Hertweck, Marius Pana, Alexander Arpaschi und Lencke Wischhusen.
Tatjana Fauth / Stadt Baden-Baden)Baden-Baden. Im eleganten Baden-Baden geht es kommunalpolitisch oft rau zu. Die Kurstadt hat zwar die höchste Millionärsdichte im Land, steckt finanziell aber tief in der Klemme, der Gemeinderat gilt als streitlustig – und seit mehr als 30 Jahren hat hier kein Oberbürgermeister länger als eine Amtszeit durchgehalten. Wer ins Rathaus einzieht, übernimmt keinen Logenplatz, sondern erstmal eine Baustelle.
Im Haushalt klafft ein Loch in Millionenhöhe. Die jüngsten Sparrunden haben geschmerzt, Gebühren wurden erhöht, Leistungen gekürzt, Spielplätze geschlossen. Wie es nun weitergeht, wollen acht Quereinsteiger beantworten. Drei davon gelten als besonders aussichtsreich.
Äpfel und Ambitionen
An einem sonnigen Vormittag steht Lencke Wischhusen auf dem Wochenmarkt. Zwischen Bäckerstand und Käsetheke verteilt sie Äpfel – und Visionen. Die 40-Jährige lächelt, schüttelt Hände, hört zu. „Gesundes Altern“ lautet ihr Stichwort. Baden-Baden, mit einem Altersdurchschnitt von fast 48 Jahren die älteste Stadt Baden-Württembergs, soll zum Standort für Longevity werden. Unternehmen aus dem Bereich Prävention, Medizintechnik und Gesundheitswissenschaften ansiedeln, dazu ein Campus für junge Talente – das ist ihr Plan. Wer genau hinhört, erkennt den norddeutschen Tonfall der Bremerin. Baden-Baden kennt sie über ihren Mann, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie.
Bundesweit bekannt wurde Wischhusen als Investorin in der VOX-Show Die Höhle der Löwen. In der Bremischen Bürgerschaft führte sie acht Jahre lang die FDP-Fraktion, war zuvor Vorsitzende des Wirtschaftsverbands „Die Jungen Unternehmer“. Heute verwaltet sie als Unternehmerin „Geschäftsanteile und Beteiligungen in unterschiedlichen Branchen“. Ein OB brauche politische Erfahrung sowie ein großes Netzwerk und Führungsstärke. „Man muss unangenehme Entscheidungen treffen können“, sagt sie. Und davon dürfte es in Baden-Baden einige geben.
Neben den Finanzen spielt im Wahlkampf immer wieder die Innenstadt eine Rolle. Diese dürfe nicht beliebig werden, warnt Wischhusen mit Blick auf verwaiste Schaufenster. Das traditionsreiche Kurhaus Baden-Baden – für viele das „Wohnzimmer der Stadt“ – steht ebenfalls vor einer ungewissen Zukunft: Das Land sucht als Eigentümer einen privaten Pächter. Die Baden-Badener fürchten, dass damit ein Stück Tradition verloren geht. Wischhusen will für Baden-Baden in Stuttgart werben. Der Ministerpräsident solle „eine feste Größe im Vorstand unserer prestigeträchtigen Institutionen bekommt“. Rückhalt bekommt sie von der CDU-Fraktion im Gemeinderat, auch drei frühere Rathauschefs stellen sich hinter sie. Dennoch: Ihre FDP-Mitgliedschaft hat sie aufgegeben, betont nun ihre Parteiunabhängigkeit. Rund 55 000 Euro investiert sie in ihren Wahlkampf. Bei der Kandidatenvorstellung bekannte sie sich klar Abgrenzung gegen die AfD – und erhielt dafür viel Applaus.
Pop-up-Store und Podcast
Ihr wohl schärfster Rivale inszeniert sich als Macher. Thomas Jung, parteilos, 64 Jahre, hat bis September den Radiosender SWR3 geleitet. Sein Wahlkampf hat eher das Ausmaß einer Großstadt-Wahl als die in einer 60 000 Einwohner-Kommune. In bester Innenstadtlage strahlt sein Slogan in Neonbuchstaben: „Einer von uns, einer für alle“. Ein Pop-up-Wahlkampfbüro, Social-Media-Kampagne, eigener Podcast – Jung hat für seinen Wahlkampf einen Kredit über 75 000 Euro aufgenommen.
„Ich habe richtig Bock, Vollgas zu geben“, sagt er am Telefon. Baden-Baden müsse sich wirtschaftlich offensiver verkaufen. Mehr Gewerbe, mehr Ansiedlungen, neue Technologien – von Pharmazie bis Künstliche Intelligenz. Mit dem Karlsruher Institut für Technologie will er kooperieren, Start-ups fördern, die Marke schärfen.
Zudem will er den Tourismus größer denken und das Rebland, die Ortsteile, sowie Geroldsau, das „Tor zum Nordschwarzwald“, einbeziehen – und das Thema Kongresse voranbringen.
Den Bürgern habe man genug zugemutet, sagt Jung. Stattdessen setzt er auf Effizienz: frei werdende Stellen durch Pensionierungen nicht automatisch nachbesetzen, Verwaltungsabläufe digitalisieren, Künstliche Intelligenz nutzen. Verwaltungserfahrung? „Braucht es jetzt nicht“, sagt Jung. Die Stadt habe hervorragende Verwaltungsfachleute im Rathaus. Im SWR habe er bis zu 300 Mitarbeitende geführt, Sparrunden in Millionenhöhe verantwortet, Digitalisierung umgesetzt. Sein Alter sieht er nicht als Hindernis: „Ich komme aus einem jungen Unternehmen und habe lauter junge Marken verantwortet“. Zuhause habe er zwei neun und sieben Jahre alte Kinder – er stehe mitten im Leben. „Für mich steht das Alter nur im Pass“.
Auch im Gemeinderat will er neue Kultur etablieren – mit einer Klausurtagung zum Auftakt. „Wenn wir uns weiter beharken, kommen wir hier nicht raus.“ Notfalls wolle er die Damen und Herren „mit Nachdruck“ an ihre Verantwortung erinnern.
Weniger Bettler, mehr Händler?
Und dann ist da noch Alexander Arpaschi (AfD), 55-jähriger Bauunternehmer. Er war einst in der CDU, sitzt nun aber für die AfD im Bundestag und im Baden-Badener Gemeinderat für die Partei, die dort vier Sitze von 40 hat. Seinen Wahlkampf zahlt er komplett selbst, betont er. Bei der Kandidatenvorstellung berichtete er vom schlechten Image der Stadt. Ein Fahrer des Bundestags habe ihn nach den „vielen Bettlern“ in der Kurstadt gefragt. Für Arpaschi ist klar: Bessert sich das Stadtbild, kommen auch die Händler zurück. Angebote für Jugendliche will er bekannter machen durch Marketingmaßnahmen: „Influencer mit großen Instagram-Accounts müssen für die Stadt werben“. Ob seine Parteizugehörigkeit ein Nachteil sei? Viele hätten ihm gesagt, er sei „in der falschen Partei“. Für Investoren sei das politische System zweitrangig, solange der Rechtsstaat funktioniere, argumentiert er – und verweist auf Ungarn.
Noch viele Fragen offen
Außerdem kandidieren die Unternehmer Marius Pana (FDP) und Stefan Hertweck, der Getränkehändler Günther Tammert, der Kaufmann Philippe Maisch und der ehemalige Polizeibeamte Jürgen Rahner (alle parteilos).
Der Gewinner wird neben der Finanzfrage viele Aufgaben angehen müssen. Soll der Segelflugplatz zum Gewerbegebiet werden? Was passiert mit dem leerstehenden Neuen Schloss? Beschädigen Windräder den UNESCO-Status der Kurstadt? Und bei all den Stadtthemen dürfen die ländlichen Ortschaften nicht aus dem Blick geraten. Der Erste Bürgermeister Alexander Wieland brachte es bei der Kandidatenvorstellung auf den Punkt: gesucht wird ein Superheld.
Späths Amtszeit endete vorzeitig
Ende 2025 lief die Amtszeit des parteilosen Oberbürgermeisters Dietmar Späth aus, Mitte Januar wurde er offiziell verabschiedet. Zuvor war er auf eigenen Antrag für dienstunfähig erklärt worden. Späth hatte über psychische Belastungen infolge öffentlicher Anfeindungen berichtet. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte ein Vorfall während seiner Krankschreibung: Unter Alkoholeinfluss verursachte er einen Verkehrsunfall.