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Cem Özdemir kämpft um die Krönung seiner politischen Karriere

Cem Özdemir in Weil der Stadt mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (rechts) und dem syrischstämmigen Ostelsheimer Bürgermeister Ryyan Ashebl (links).
Achim Zweygarth)Weil der Stadt. Eigentlich ist die Fasnetshochburg Weil der Stadt im Kreis Böblingen am Rosenmontag ganz in der Hand der Narren, 30.000 Menschen kommen zum Umzug, die Stadthalle ist belegt. Daher müssen die Grünen mit der Debatte von Cem Özdemir, Boris Palmer und dem syrischstämmigen Ostelsheimer Bürgermeister Ryyan Ashlebl in die Aula des Schulzentrums ausweichen, das aus allen Nähten platzt – 300 Menschen im Saal, viele kommen nicht rein, 60 stehen bei bitterer Kälte davor und schauen den Livestream.
Aber der omnipräsente Tübinger OB dominiert diese Veranstaltung nicht. Stattdessen erzählt der grüne Spitzenkandidat Cem Özdemir eine Begebenheit von vor vielen Jahren, als Boris Palmers Vater und Remstalrebell Helmut Palmer einst eine Veranstaltung der Grünen zu sprengen drohte: „Die Parteifreunde haben mir gesagt: Jetzt ist die Veranstaltung durch, jetzt ist es seine Veranstaltung. Ich habe ihn freundlich begrüßt und ihn gefragt, ob er seine Meinung kundtun will.“ Und tatsächlich sei es gelungen, den wortgewaltigen Kritiker jeglicher staatlicher Willkür einzubinden.
Und das gelingt auch an diesem Abend mit seinem Sohn. Natürlich mag das auch ein Stück weit inszeniert sein, schließlich ist Wahlkampf, und die Veranstaltung dient dazu, Cem Özdemir ins rechte Licht zu rücken. Dennoch ist bemerkenswert, wie Palmer sich zurücknimmt und dem grünen Ministerpräsidentenkandidaten das Feld überlässt.
Zumindest fast. „Ich bekomme viele Mails, weil ich um halb eins nachts jemanden getraut habe“, schmunzelt Palmer in Anspielung auf die Trauung am Samstag davor, als Özdemir seine Lebensgefährtin Flavia Zaka heimlich in der Nacht geheiratet hat .
Auch diese Hochzeit ist ein Event in diesem Wahlkampf. Obwohl sie eigentlich geheim geplant wurde. Aber natürlich wird sie öffentlich, wenn der Standesbeamte Boris Palmer heißt. Mit der Trauung um 0.30 Uhr hat er dann alle überrascht und die Journalisten am nächsten Morgen vor dem Tübinger Rathaus alt aussehen lassen. Irgendwie typisch für Özdemir, der es immer schafft, in den Schlagzeilen zu sein, ob gewollt oder ungewollt.
Palmer setzt den Sound, Özdemir übernimmt. Der Tübinger OB ruft in den Saal: „Es muss nicht alles gleich in eine Verordnung gegossen werden, die für die Ewigkeit gilt.“ Das zahlt auf Özdemirs Mantra ein, alle Berichtspflichten und alle Landesbeauftragten abzuschaffen. Denn dieses Bild wird auf seinen dunklen, ernsten Plakaten gezeichnet: Özdemir, der Pragmatiker, der zuhört, konservativ und bürgerlich, Kretschmann 2.0 sozusagen. Doch der grüne Wahlkampf ist auch unterhaltsam. Cem Özdemir erzählt davon, wie er einmal spätabends keinen Bahnanschluss fand, auch die App des Schienenkonzerns und deren Mitarbeiter wussten keinen Rat. „Da habe ich dem Boris angerufen, der kennt jedes Kursbuch auswendig“, erzählt der 60-jährige Bad Uracher und Ex-Grünenchef, „und er wusste die Verbindung auswendig, sie hat auch funktioniert.“
Cem Özdemirs Aufstieg ist eine wechselvolle Geschichte
Da lacht der ganze Saal. Am Ende bittet die Moderation um Applaus, wer Cem Özdemir als Ministerpräsident haben will und dem Wahlslogan „Er kann es“ zustimmt. Die Anhänger, stehen auf und jubeln, Özdemir genießt das Bad in der Menge. Es ist das Phänomen Özdemir, das diesen Wahlkampf prägt. Lange hat er gezögert, der „anatolische Schwab“, der einer der ersten prominenten Politiker mit Migrationshintergrund war.
Der sich aus ganz kleinen Verhältnissen in Bad Urach hochgearbeitet hatte. Der 50 Fehler im Diktat hatte, doch er hat sich durchgebissen, Sozialpädagogik studiert. Wurde Abgeordneter, zehn Jahre einer der erfolgreichsten Grünen-Vorsitzenden. Als er den damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche auf den Parteitag einlud, war das ein Skandal in der Partei. Heute wäre das nicht mal mehr eine Schlagzeile wert.
Tief war der Fall, als er 2002 über die Bonusmeilen-Affäre und einen Privatkredit des PR-Beraters Moritz Hunzinger stolperte. Özdemir ging ins Europäische Parlament. 22 Jahre ist das her, eine halbe politische Ewigkeit. 2013 kam er zurück, wurde Spitzenkandidat der Grünen bei der Bundestagswahl 2017 und 2021 Agrarminister in der glücklosen Ampelkoalition.
Aber so will er nicht seine politische Karriere beenden, daher ließ er sich von den Landesgrünen für eine Kandidatur überzeugen. Aber unter drei Bedingungen: eine ausgewogene Landesliste, kein linkes Programm und „Beinfreiheit“ im Wahlkampf. Die nutzt der 60-Jährige und setzt sich von Positionen ab, die die grüne Landtagsfraktion in den vergangenen Jahren vertreten hat.
Dass die Grünen noch einmal zulegen entgegen dem allgemeinen Trend, hat man bei den Grünen zwar erhofft, aber nicht jeder erwartet. Nur Winfried Kretschmann, inzwischen dienstältester Ministerpräsident in Deutschland, hat immer auf die Wahl 2016 verwiesen: „Da lagen wir sogar 14 Prozentpunkte zurück.“
Winfried Kretschmann ist die Geheimwaffe im Wahlkampf
Überhaupt Kretschmann. Der 77-Jährige ist auf Abschiedstour . Im Amt wirkt der Sigmaringer in den letzten Wochen oft müde, im Wahlkampf blüht er nochmals auf, will für sein Vermächtnis sorgen, indem er Özdemir ins Amt befördert. Kurz nach Fasching wandern die beiden öffentlichkeitswirksam durch die Stuttgarter Weinberge, um allen signalisieren: Er soll mir nachfolgen.
Vor einiger Zeit im Gespräch fragen wir Cem Özdemir: Ist es vielleicht das Bemerkenswerteste im Wahlkampf, dass Ihr Migrationshintergrund überhaupt kein Thema mehr ist? Özdemir denkt nach, lächelt entspannt und sagt dann: „Ja, Sie haben recht.“ Vielleicht ist allein das schon die bedeutendste politische Langzeitwirkung seiner langen Karriere.