Politischer Aschermittwoch

Das Erbe Kreschmanns gehört den Baden-Württembergern – und auch den Grünen

Die Grünen setzen beim politischen Aschermittwoch in Biberach auf nachdenklichen Optimismus, auf die Bilanz der Ära Kretschmann und eine sehr lange Tradition. Vor 30 Jahren hatte in der damals schon vollbesetzten Stadthalle die bundesweit erste Aschermittwochskundgebung der Grünen stattgefunden. Hauptredner war seinerzeit Joschka Fischer. Auch 2026 gibt der ehemalige Bundesaußenminister seiner ersten Heimat die Ehre, mit einem Auftritt kurz vor der Landtagswahl am 8. März. 
Zwei Männer stehen vor der Aufschrift "Politischer Aschermittwoch Biberach".

Joschka Fischer (l, Bündnis90/Die Grünen), ehemaliger Außenminister, und Cem Özdemir, (Bündnis 90/Die Grünen), Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026, stehen beim Politischen Aschermittwoch von Bündnis90/Die Grünen in der Stadthalle Biberach auf der Bühne.

dpa/Silas Stein)

Biberach . Jetzt schwätzt sogar der Ex-Außenminister Joschka Fischer schwäbisch. „Eigentlich bin i a Schwob“, sagt der in Öffingen bei Stuttgart aufgewachsene Wahlberliner. 1996 hatte er die gut tausend Besucher mit Verweis auf die CSU und dem Satz „Passau ist ja nichts dagegen“ gerockt. Diesmal schlägt er angesichts der Weltlage leisere, nachdenkliche Töne an. Als Politpensionär könne er offener reden, sagt der 77-Jährige: „Macht euch keine Illusionen, wir werden durch eine schwere Zeit gehen“ – mit Auswirkungen auf den Alltag der Menschen und hierher „bis ins schöne Oberschwaben“. Natürlich schlägt er den Bogen zur seiner Wahlempfehlung . „Du hast deine Fehler gemacht“, spricht er Cem Özdemir direkt an, der mit seiner Ehefrau Flavia Zaka in der ersten Reihe sitzt, „aber du hast die Qualität, daran nicht kaputt gegangen zu sein, und viel Wissen gesammelt“.

Erinnerung an Absage der Veranstaltung wegen protestierender Bauern

Die Rollen waren wohlverteilt in den fast drei Stunden: Den Auftakt machte Berat Gürbüz, der 23-jährige Biberacher Direktkandidat, der sich seine ersten politischen Sporen im Landesschülerbeirat verdiente, mit einer flammenden und nachher sogar von Fischer höchstpersönlich gelobten Rede. Die gipfelte in dem Schlusssatz, den auf ihre Weise alle Redner im Gepäck hatten: „Baden-Württemberg ist und bleibt Grün, basta!“

Ricarda Lang, ehedem Bundesvorsitzende, erinnerte an das Jahr 2024, als die Kundgebung abgesagt werden musste, weil die Polizei sie und andere Gäste nicht vor hunderten protestierenden Bauern mit ihren Trekkern schützen konnte. Zwei Jahre habe sie auf diese Rede gewartet, sagte Lang. Und lobte Özdemir auf ihre Weise: Man wisse immer, woran man bei ihm gerade mit einer anderen Meinung sei, das könne sie selbst leidgeprüft bestätigen. Denn Cem stehe immer zu seiner, „und diese Klarheit brauchen wir in einer Welt der Unordnung“.

Kretschmann blickt auf seine Erfolge zurück

Winfried Kretschmann wiederum, der bei allen Kundgebungen in diesen drei Jahrzehnten dabei war, blickte auf seine Zeit als Ministerpräsident zurück, auf die Erfolge bei der Energiewende oder Cyber Valley in Tübingen und Heilbronn, von der Bürgerbeteiligung bis zur Öffnung der Standesämter für homosexuelle Paare. Auch er verband seine Wahlempfehlung für Özdemir mit persönlichen Erfahrungen, vornehmlich mit Fischer. In dessen Zeit als hessischer Umweltminister war er einer seiner engsten Mitarbeiter und habe viel gelernt vom harten Chef – und Erkenntnisse gewonnen, „ohne die ich Baden-Württemberg nie hätte regieren können“.

Der Adressat dieser Botschaft, der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel , wurde mehrfach angesprochen, direkt und indirekt, etwa vom grünen Kontrahenten, der für eine Kultur des Anstands warb und für einen Umgang in den zwei letzten Wahlkampfwochen, der eine spätere Zusammenarbeit nicht erschwere. Özdemir selber versprach, „hart in der Sache, aber stets fair und anständig“ zu agieren. Der Ministerpräsident nahm Hagels Versuche aufs Korn, sich immer weiter von den zehn gemeinsamen Regierungsjahren zu distanzieren. Und Joschka Fischer verweigerte Hagel das vielfach für die CDU beanspruchte Kretschmannsche Erbe. „Das gehört den Baden-Württembergern und Baden-Württembergerinnen“, so der frühere Vizekanzler, „und es gehört auch den Grünen, deshalb haben wir den Besten auf den Schild gehoben, den wir uns vorstellen können.“

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