Verabschiedung Ministerpräsident Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann sagt zum Abschied leise Ade

Es ist ein historischer Moment. Nach 15 Jahren tritt Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg ab. Beim Festakt in Stuttgart gibt es viel Lob, aber auch nachdenkliche Töne.
Zwei Personen begrüßen sich in einem Saal mit Publikum im Hintergrund.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wird beim Festakt zu seiner Verabschiedung von Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) begrüßt. Die Amtszeit von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist fast zu Ende. Er wird im Neuen Schloss in Stuttgart feierlich verabschiedet.

Marijan Murat)

Stuttgart . Der Aufmarsch ist beeindruckend. Gefühlt ist jeder Akteur, der in 15 Jahren der Ära Kretschmann aktiv war, ins Neue Schloss nach Stuttgart gekommen. Ex-Außenminister Joschka Fischer sitzt neben Ex-OB und Ex-Grünenchef Fritz Kuhn, Ex-Bundespräsident Joachim Gauck oder  Trigema-Unternehmerlegende Wolfgang Grupp sind gekommen, die Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts und des BGH, fast alle aktuellen und ehemaligen Minister. Auch solche, die man lange nicht gesehen hat, wie Ex-Kultusministerin Susanne Eisenmann oder Nils Schmid (SPD) –  es ist eine kleine Zeitreise, allen die Hand zu schütteln.

Natürlich sind auch die zukünftigen Akteure da, Cem Özdemir und Manuel Hagel tauchen fast gleichzeitig auf. Der Tübinger OB Boris Palmer schmunzelt ob der Idee, er könnte Staatsrat werden.

Thomas Strobl spricht von einem „historischen Moment“

Der Weiße Saal ist also mit 400 Gästen bis zum letzten Platz gefüllt. Die John-Cranko-Balletttänzer Elisa  Badenes und Friedemann Vogel schweben zu Violinenklängen über die Bühne. Der Vize-Ministerpräsident Thomas Strobl (CDU), der mit Kretschmann zehn Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hat, eröffnet und nennt den Regierungschef „unprätentiös und bescheiden“, und zitiert Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“

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Der Innenminister spricht von einem „wahrhaft historischen Moment“. 

15 Jahre im höchsten Staatsamt seien eine lange Zeit, kein Ministerpräsident sei länger im Amt gewesen, in Baden-Württemberg und aktuell auch in Deutschland. Strobl lobt augenzwinkernd den „garantiert herausragenden Koalitionspartner“. Schon 2011 habe er in seiner Partei gemahnt, den Wahlsieg der Grünen nicht als „kleines Missgeschick“ abzutun. Kretschmann sei ins Amt gekommen, um zu bleiben.

Strobl lobt das Vertrauensverhältnis zum grünen Regenten – er hinterlasse gewaltige Fußspuren, nicht nur dafür, was er gemacht habe, sondern auch wie er es gemacht habe. „In keiner anderen Koalition hatte ich einen Partner, mit dem ich so offen, vertrauensvoll und verlässlich zusammenarbeiten durfte.“

Joachim Gauck erweist Kretschmann die Reverenz

Dann tritt der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck auf die Bühne, Älter geworden, aber immer noch der großartige Demokratie-Erklärer, der er immer war. „Mensch, ist das schön hier, da spricht jemand über das Schweigen“, sagt er – in Anspielung darauf, dass Strobl und Kretschmann auch gerne mal zusammen schweigen konnten.

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Gauck wählt die Langzeitperspektive: „Wir schauen da auf Entwicklungen, wir schauen auch Irrtümer. Es verlangt innere Reife, auf Irrwege zurückzuschauen.“ Er erwähnt Kretschmanns Glaube, seine Liebe zur Natur, zur Philosophin Hannah Arendt. Aus dem jungen Mann, der Orientierung suchte, fand als Erwachsener die Erkenntnis, dass Überzeugung ohne Verantwortung ins Leere laufe. „Sie haben sich früh von der Vorstellung geheilt, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein“, erinnerte er an Kretschmanns kurze Episode in einer kommunistischen Gruppe, was er später als „Irrtum“ bezeichnete.

Wie wurde aus dem Mensch Kretschmann der Politiker?

Aus den autoritären Erfahrungen des Internats erwachse eine Haltung, gegenüber der Obrigkeit selbstbewusst aufzutreten. „Er will das Bessere suchen, ohne das Gute zu verachten“, sagt Gauck, und erinnert an seine Mitgründung der Grünen in Baden-Württemberg 1977.  Schon damals habe er einen Konservatismus gepflegt, der nicht aus Besitzstandswahren entstehe, sondern zu bewahren, was die Gesellschaft präge. Das sei die Grundlage für „moderne Umweltpolitik“.

In den Flügelkämpfen der Grünen habe er „das schrille Wort auf intellektueller Redlichkeit“ vermieden. Seine Wahl zum Ministerpräsidenten 2011 lasse sich als „kulturprägend“ beschreiben. Gauck: „Sie brachten einen Stil mit, der das Zuhören und die Bürgerbeteiligung als Regierungsinstrument verstanden.“ Menschen seien unvollkommen, aber darüber nicht zu verzweifeln, das zeichne gute Regierungsarbeit aus. „Sie haben in schwierigen Zeiten Menschen Halt gegeben durch eine ruhige Sprache und gelebtem Verantwortungsbewusstsein.“

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