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Winfried Kretschmann übergibt die Villa Reitzenstein an Cem Özdemir

Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, r-l), scheidender Ministerpräsident, spricht mit Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), neu gewählter Ministerpräsident von Baden-Württemberg, und seiner Frau Flavia Zaka auf der Terrasse der Villa Reitzenstein im Rahmen der Amtsübergabe.
dpa/Bernd Weißbrod)Stuttgart. Kein Kaiserwetter, dunkle Wolken über der Villa Reitzenstein, aber es ist trocken. Cem Özdemir kommt direkt von der Vereidigung aus dem Landtag. Wie es sich gehört mit der Straßenbahn. Und läuft den Hügel hoch von der Pforte zur Villa Reitzenstein. „Hallo“, sagt der 60-Jährige, als er mit seiner neuen Gattin Flavia Zaka ans Eingangsportal der ehemaligen Herrenvilla kommt.
Winfried Kretschmann ist schon da, er hat kurz zuvor zum letzten Mal nach seinem Besuch auf der Tribüne des Landtages den Arbeitsort betreten. „Willkommen im schönsten Regierungssitz Deutschlands“, sagt er. Özdemir winkt, und einige Mitarbeiterinnen setzen spontan Beifall an. Die beiden Grünen-Politiker schreiten durch den Eingangssaal und den Runden Saal in den Garten. Der 77-jährige Ex-Ministerpräsident – an die Formulierung müssen sich alle erst gewöhnen – erzählt die Geschichte von den Wellington-Mammutbäumen.
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Mammutbäume in der Sichtachse auf die Stadt
Die ließ bekanntlich König Wilhelm als Samen 1864 aus den USA importieren, durch ein Missverständnis allerdings viel zu viele. Weshalb nicht nur in der Wilhelma, sondern in ganz Württemberg die majestätischen Bäume stehen. Zwei auch im direkten Blickfeld im Garten der Villa. Kretschmann berichtet, dass hier fast immer gutes Wetter sei für Frühsport im Garten: „Ich musste nur drei Mal wegen Regens rein.“
Özdemirs Ehefrau Flavia Zaka ist begeistert, und der neue Ministerpräsident sagt auf Englisch zu ihr: „We can do yoga sessions here in the morning.“ Doch der Alt-Ministerpräsident hat noch eine Anekdote auf Lager. Als er 2026 gegen den Willen der Landespartei eine grün-schwarze Koalition statt einer Ampel mit SPD und FDP eingehen wollte, lief er oft mit dem grünen Landesvorsitzenden Oliver Hildenbrand spazieren. „Drei Runden, dann hat er sagt: Ja, dann mach es doch.“
Bohrmaschine und Kuckucksuhr als Präsente
Nächster Stopp: Die Bibliothek, wo schon frühere Amtsinhaber prominente Gäste empfangen haben. Dort werden Geschenke überreicht. Der scheidende Ex-Regent erhält die Bosch-Bohrmaschine. „Wir haben Agenten und Spione in deine Werkstatt ausgesandt“, schmunzelt Özdemir. Denn eine solche Standbohrmaschine gibt es nicht in der Kretschmann’schen Werkstatt in Sigmaringen-Laiz, die musste er sich oft vom Nachbarn ausleihen. „Ich bin total begeistert, das schließt eine Lücke, etwas besseres hättet ihr mir nicht schenken können.“ So kann er auch künftig dicke Bretter bohren.
Vielleicht kann man sie in der Villa Reitzenstein auch hören – denn der Alt-Ministerpräsident wird in der sogenannten Clay-Villa auf dem Gelände ein Büro aus beziehen. Özdemir wiederum bekommt von seinem Parteifreund zum Antritt eine Kuckuksuhr vom Familienbetrieb Rombach & Haas, den es seit 1894 in Schonach im Schwarzwald gibt. „Die Kuckucksuhr ist Industriegeschichte“, erzählt der 78-Jährige. Es gab Boomphasen, Krisen, immer wieder musste man sich neu erfinden – irgendwie passend zur aktuellen Transformationskrise.
Kretschmann fährt ein letztes Mal davon
Dann der letzte Akt für Winfried Kretschmann: Er verlässt endgültig die Villa Reitzenstein. Nach 40 Jahren Landespolitik gibt es eine letzte herzliche Umarmung mit Cem Özdemir, der wünscht „Alles Gute“. Kretschmann steigt in sein neues Dienstauto ein, einen Elektro-Audi, der ihm auch nach dem Abschied aus dem Amt zusteht. Dann fährt der Wagen davon, Özdemir bleibt alleine zurück und schaut ihm nach. So profan endet die Ära Kretschmann nach 15 Jahren , der Ex-Regierungschef fährt ins heimische Oberschwaben. Dort wartet seine Frau Gerlinde auf ihn – endlich haben sie Zeit füreinander.
Cem Özdemir betritt dann zum ersten Mal sein Amtszimmer als Ministerpräsident im ersten Stock, ist dort ein paar Momente für sich. Dann treffen um 15.30 Uhr die Minister und Staatssekretäre ein, ein Tübinger Jazzensemble spielt. Özdemir greift einmal sogar kurz selbst zum Taktstock. Alle versammeln sich im Runden Saal, um ihre Ernennungsurkunden zu erhalten.
Hannah Arendt wird nicht mehr zitiert
Der neue Ministerpräsident begrüßt alle „unter den Augen von Gebhard Müller und Kurt Georg Kiesinger“, wie er sagt – die Porträts der Amtsvorgänger hängen hier aus. Er wendet sich an seinen neuen Vize Manuel Hagel, erinnert an das Radreden Giro d’Italia: „Wir saßen oft auch erschöpft beisammen.“ Man habe sich aber angenähert – politisch und auch menschlich.
Man wolle gemeinsam kraftvoll Politik machen. Özdemir zitiert nicht mehr wie der Vorgänger Hannah Arendt, sondern den Tübinger Philosophen Hans-Georg Gadamer:: „Verständigung im Gespräch ist nicht ein bloßes Sichausspielen und Durchsetzen des eigenen Standpunktes, sondern eine Verwandlung ins Gemeinsame hin, in der man nicht bleibt, was man war“. Der neue Kultusminister Andreas Jung hat übrigens an diesem Tag seiner Ernennung Geburtstag.
Und um 16 Uhr dann beginnt die erste Kabinettssitzung im Runden Saal. Grün-Schwarz macht sich an die Arbeit.